Herzlichen Glückwunsch - Dekan i.R. Karl Ittameier feiert Geburtstag

In Afrika geboren – in Bayern gewirkt
Ein Traunreuter aus Überzeugung: Ehemaliger evangelischer Stadtpfarrer und Dekan Karl Ittameier 85 Jahre alt

Text von Hans Eder

Traunreut. Als einjähriges Kind wurde er von den Leuten des Kiro-Stammes in Tansania bespuckt – dort in Afrika ein Zeichen der Hochachtung – und damit in den Stamm aufgenommen; die Einheimischen gaben ihm den Namen Mangue, was so viel wie „Wildkatze“ bedeutet. 36 Jahre später wurde er als längst erwachsener Mann evangelischer Pfarrer in Traunreut, weitere zehn Jahre danach Dekan im Dekanat Traunstein. Dieser exotische, weite Weg liegt hinter Karl Ittameier, der am Sonntag seinen 85. Geburtstag begangen hat – in der geräumigen Wohnung im sechsten Stock des Heidenhain-Hauses an der Werner-von-Siemensstraße in Traunreut, wohin er zusammen mit seiner Frau Emmi mit Beginn seines Ruhestandes wieder zurückgekehrt ist.

Ittameier ist – das darf man mit Fug und Recht sagen – ein Traunreuter geworden, auch wenn er die ersten sieben Lebensjahre in Afrika gelebt und danach mit seiner Familie, einem Missionarsehepaar, seine Jugend in Franken verbracht hat. Nicht von ungefähr ist er nach seiner Zeit in Traunstein wieder hierher zurückgekommen, wo er viele Freunde und Bekannte hat, während, wie er ganz freimütig sagt, man in Traunstein „erst dann als Mensch akzeptiert wird, wenn man 365 Jahre in der Stadt gelebt hat“.

Es ist die offene, nicht durch uralte Strukturen verkrustete Stimmung in Traunreut, die ihn von Anfang an fasziniert hat: „Es ging alles, wenn man etwas verändern wollte. Das war toll.“ Mit Hilfe vieler engagierter Menschen habe sich in seiner Zeit in Traunreut (von 1967 bis 1978) ein Gemeindeleben entwickeln können, das nicht ständig durch Äußerungen wie „Das hamma noch nie nicht gehabt“ gebremst worden sei. Das sei eine sehr spannende Zeit gewesen. Und er erinnert sich auch noch an die vielen damals neu in Traunreut angekommenen Siebenbürger und wie die Menschen in der Stadt es geschafft haben, mit einer solchen Menge von Neuankömmlingen ohne große Konflikte auszukommen.  

Die 60er und 70er Jahre, so erzählt Ittameier beim Gespräch mit unserer Zeitung, seien die Zeit großer Umbrüche in vielen Bereichen gewesen. Als erstes nennt er die Ölkrise, im Zusammenhang mit der „ich kennengelernt habe, was Industrie ist“. Damals seien „bei Siemens eiskalt die Leute rausgeschmissen worden, ich musste danach die Selbstmörder beerdigen“. Sehr positiv dagegen hat er den damals eingeleiteten Umbruch in der Ökumene empfunden und erzählt dazu eine kleine Episode. Am ersten Heiligen Abend in Traunreut – er habe damals noch nicht einmal gewusst, wie die katholischen Seelsorger heißen – „klingelt es bei uns gegen halb 11. Da stand Dr. Stöttner vor der Tür mit einem Krug Wein, mit Brot und Salz.“ Bei ihrem ersten Weihnachten in der Stadt seien die Ittameiers bestimmt noch recht einsam, habe der Traunreuter katholische Stadtpfarrer gemeint, „und wir sind sowieso immer einsam. Da könnte man sich doch zusammensetzen.“ Dies tat man dann auch, und daraus habe sich eine sehr schöne Ökumene entwickelt.

Auch in der evangelischen Kirchengemeinde kehrten neue Zeiten ein – die im konkreten Fall aber nicht immer ganz einfach gewesen seien, was nicht zuletzt einem sehr eifrigen Vikar zu „verdanken“ gewesen sei; dieser habe bei den Leuten noch mehr als „junger, roter Pfarrer“ gegolten als Ittameier selbst, merkt dieser schmunzelnd an. Beinahe jeden Tag sei damals in den Zeitungen in Südostbayern etwas über die Kirchengemeinde Traunreut und die dortigen Umtriebe gestanden. Zum Glück habe man es, auch dank der Mithilfe eines tollen Kirchenvorstandsm geschafft, sich von diesem Vikar zu trennen, „und danach ist die Qualität der Gemeindearbeit geradezu explodiert“. Aus allen Richtungen seien Menschen gekommen, die mitarbeiten und diese neue Form der Gemeinde erleben wollten.

Was sich damals in Traunreut entwickelt hat, habe aber keineswegs für den ganzen Dekanatsbezirk gegolten. Vielmehr habe es da in vielen Kirchengemeinden noch sehr viel Verkrustung gegeben, nicht zuletzt bei den Pfarrern, die seinerzeit mehr noch „Pfarrherren“ gewesen seien. Demokratie, Mitsprache und Miteinander seien damals noch recht wenig gepflegt worden. Aber auch da hätten die neuen, jüngeren Pfarrer im Laufe der Zeit Bewegung hineingebracht. Und weil auch das Leitungspersonal des Dekanats nicht ganz frei von Verkrustung gewesen sei, habe es sich schließlich ergeben, dass die Landeskirche das Amt des Dekans an Ittameier übertragen habe. Mehr oder weniger „hinter meinem Rücken“, wie Ittameier sagt, und ungewöhnlich auch deshalb, weil ein neuer Dekan praktisch immer von außen berufen wird. Dabei gebe es „kein Amt, das ich weniger kann als Dekan“, meint Ittameier und begründet dies auch: „Ich kann nicht auf den Tisch hauen, ich brauche Zeit für Entwicklungen und Zeit, die Menschen einzuordnen.“ Dennoch aber ging der Kelch nicht an ihm vorüber: Er wurde Dekan, musste dazu nach Traunstein umziehen und begann damit „die schwierigste Zeit in meinem Leben“.

In Traunstein scheint er in der Tat nie ganz angekommen zu sein. Dazu gab es auch noch eine besondere Episode im Zusammenhang mit Tochter Doris, die 1963 zur Welt gekommen war. Sie besuchte das Annette-Kolb-Gymnasium und beschwerte sich regelmäßig, dass sie tun könne, was sie wolle, ohne – im Gegensatz zu den Klassenkolleginnen – dafür bestraft zu werden. Ein Gespräch beim Direktor zusammen mit dem Vater bestätigte, dass die Schule tatsächlich bei so prominenten Eltern in der Regel sehr großzügig sei. Tochter Doris wechselte daraufhin – mit vollstem Einverständnis des Vater – ans Gymnasium Traunreut, wo es solche Bevorzugungen nicht gebe.

Als Dekan war Ittameier auch Vorsitzender des Diakonischen Werks, das sich zu einem rasch wachsenden Gebilde entwickelte. Schon in Traunreut hatte er kennenlernen dürfen, wie diakonische Einrichtungen – vor allem das Wilhelm-Löhe-Zentrum mit der längst legendären Gertraude Risse – in die Kirchengemeinde hineinwirken. Von daher hat Ittameier seine Einsicht entwickelt, dass es „keine Kirche gibt, ohne dass Gemeinde und Diakonie beisammen sind“.

Als Dekan war er auch Mitglied der evangelisch-lutherischen Landessynode in vielerlei Funktionen: Er war unter anderem Mitglied in verschiedenen Arbeitskreisen, bei der Prüfungskommission für das zweite theologische Examen, im Ausschuss für Fragen der Taufe und der Konfirmation, im Lehrplanausschuss für die Grund- und Hauptschulen und im gemeinsamen Arbeitskreis dreier Landeskirchen zum Thema „Glaube und Naturwissenschaften“, das Ittameier sein ganzes Leben lang sehr interessiert und auf vielerlei Weise begleitet hat. Der Einsatz von Karl Ittameier auf so vielen Ebenen wurde zum Abschluss seines Berufslebens mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt.

1996 ging Ittameier in den Ruhestand, kehrte mit seiner Frau wieder nach Traunreut zurück und setzte hier seine Mitarbeit in der Heidenhain-Stiftung fort: Seite 40 Jahren ist er Stiftungsbeirat, und zwölf Jahre lang saß er im Aufsichtsrat der Firma. Mit Dr. Johannes Heidenhain verband Ittameier eine vertrauensvolle Freundschaft. Als Dr. Heidenhain die Zukunft seiner Firma auf solide Beine stellen wollte, hätten er und Ittameier nächtelang über die richtige Vorgehensweise diskutiert. Ursprünglich habe Dr. Heidenhain die evangelische Kirchengemeinde als Nutznießer der Stiftung einsetzen wollen; davon habe ihm Ittameier aber abgeraten: „Eine Gemeinde kann auch an zuviel Geld kaputtgehen.“ In der ersten offiziellen Stiftungsurkunde seien dann das Diakonische Werk und das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching als Nutznießer genannt worden. Später wurde das Empfängerfeld auf Krankenhäuser ausgeweitet, schließlich dann auf Einrichtungen im Landkreis Traunstein beschränkt.

In seiner Zeit im Heidenhain-Aufsichtsrat, so erzählt Ittameier, „habe ich gelernt, Bilanzen zu lesen und was für einen Betrieb wichtig ist“. Sein Anliegen seien vor allem die Rechte der Belegschaft gewesen. Und letztlich sei durchgesetzt worden, dass heute die Heidenhain-Mitarbeiter viel Geld zu ihrem normalen Lohn dazu bekommen. So habe sich bewährt, dass in einem Aufsichtsrat nicht nur „Geldleute und Physiker“ sitzen.

Nach dem sehr offenen und interessanten Gespräch über sein Berufsleben erzählte Ittameier noch ein paar Details von seinem afrikanischen Hintergrund. Bevor er siebenjährig zurück nach Bayern kam, sprach er die Umgangssprache Kisuaheli und die Stammessprache Wakiro so gut wie Deutsch. Er war als Kleinkind ganz offiziell in den Stamm aufgenommen worden und lebte ganz selbstverständlich zusammen mit den Menschen dort. Die Liebe zu Afrika blieb, auch nach der Rückkehr nach Deutschland. So wäre er nach seinen Studien in Neuendettelsau, Wien, Erlangen und dem Predigerseminar in Nürnberg am liebsten gleich wieder zurück nach Afrika gegangen. Dies aber scheiterte an einem juristischen Problem: Als offizielles Mitglied eines Stammes bekam er in Tansania keine Arbeitserlaubnis.

Als Ittameier in Rente ging, plante er erneut einen Besuch in Afrika, der dann aber aus gesundheitlichen Gründen ausfiel. Wegen Problemen der tansanischen Diözesen untereinander war dort gar die Idee geboren worden, Ittameier solle Bischof werden. Dies aber war ganz und gar nicht in seinem  Sinn: Er als Nicht-Afrikaner wollte da nicht, wie einst zu Zeiten des Kolonialismus, quasi als Helfer von außen kommen.

Aber diese Frage stellte sich dann sowieso nicht mehr, weil die Gesundheit mehr und mehr zu wünschen ließ. Vor drei Jahren erlitt Ittameier einen Herzinfarkt und musste sich einer schweren Operation unterziehen: „Da hat es die Beine erwischt“, sagt er: Das heißt, dass er nur noch wenige Schritte frei gehen kann und ansonsten auf ein Gehwagerl angewiesen ist. „Ich trainiere ganz mühsam, wieder selbstständig laufen zu lernen“, sagt er – und so kam als nächster Besucher nach dem Zeitungsschreiber ganz folgerichtig der Physiotherapeut ins Haus. he